„Besonders auf dem Land würden wir Frauen brauchen, die mutig sind.“

Besonders auf dem Land würden wir Frauen brauchen, die mutig sind.

Wolnzach

Wolnzach, 09.03.2018 (ls).

Weibliche Emanzipation im schweizerischen Alpenidyll: Im Jahr 1971 organisiert eine junge Hausfrau die Frauen aus ihrem Ort, um eine Petition für das Frauenwahlrecht einzureichen.

Zur Feier des Weltfrauentages lud die Wolnzacher SPD am Mittwoch zu einem Kino-Abend ein, der unter die Haut ging. Mit dem Film „Die Göttliche Ordnung“ begaben sich die Sozialdemokratinnen auf die Reise in die Schweiz und begleiteten den Kampf der jungen Hausfrau Nora, die in ländlicher Idylle und ganz abseits der erschütternden Sozialrevolutionen der 60er Jahre für ihr Recht auf politische Partizipation und ihre sexuelle Befreiung kämpfte. Schnell wird dabei klar: Politischer Wandel beginnt vor der eigenen Haustür.


Frauen in der Politik – immer noch ist das weibliche Geschlecht in den Parlamenten und Parteien der Republik drastisch unterrepräsentiert. Für Film-Protagonistin Nora war ihre soziale Befreiung ein Ausbruch aus einem etablierten System. Einem ganz so drastischen Weltbild wie dem von Nora müssen Politikerinnen von heute zwar nicht mehr trotzen – mit harten Strukturen sehen sie sich aber immer noch konfrontiert. Wir haben uns am Rande der Veranstaltung mit drei Frauen unterhalten, die das jeden Tag erleben. Andrea Ernhofer ist Bürgermeisterin in Kösching. Marianne Strobl und Brigitte Hackl sind beide Gemeinderäte in Wolnzach. Ein Gespräch über ihre Erfahrungen darüber, was es heißt, Politikerin zu sein.

 


Veränderung beginnt bei einem selbst: Nora nimmt den Kampf mit dem etablierten System auf.

 

Zu Beginn eine vielleicht banale Frage: Wie kommt man dazu politisch aktiv zu sein?


Ernhofer: Mein Elternhaus war schon immer politisch. Bei uns zu Hause wurde am Esstisch über Politik gesprochen. Auch im Freundeskreis war das ähnlich. Als Jugendliche haben wir uns dann formiert und sind in Kösching als JuSos aktiv geworden.


Strobl: Mein Papa war mehrere Perioden im Gemeinderat. Ich habe mir alle Parteien vor meiner ersten Wahl mit 18 Jahren angehört, 1986 war ich dann am Bauzaun in Wackersdorf – ab diesem Zeitpunkt war ich mit dabei! Parteipolitisch aktiv wurde ich aber erst, als ich in Wolnzach die Jahre vor 2014 Stillstand erlebt habe. Da hat man nur noch geschimpft – was nichts bringt. Demokratie gibt es nicht umsonst.


Hackl: Meine Familie war absolut unpolitisch. Dann hatte ich aber Politik im Rahmen meines Lehramtstudiums. Politisch interessiert war ich also schon lange, aber Familie und Beruf hatten lange Vorrang. Aber es stimmt, man kann nicht nur schimpfen, man muss auch aktiv werden. Mich hat zum Beispiel die Parteipolitik bei uns total gestört.


Soziologische Studien belegen, dass Frauen generell in der institutionalisierten Politik als weniger aktiv gelten und in Parteien und Ämtern nach wie vor stark unterrepräsentiert sind. Woran liegt das?
 

Ernhofer: Ich denke, es sind die alten Strukturen, die den Frauen manchmal nicht gefallen. Parteien sind von Männern geschaffen und haben sich historisch entwickelt. Und eigentlich beteiligen sich Frauen an Politik, sie haben nur eine andere Herangehensweise. Bei Initiativen oder Demos sind sie oft aktiver als Männer. Wenn man politisch etwas bewirken will, dann kommt man nur oft nicht an den Parteien vorbei. Deswegen mein Appel an die Frauen: Wenn mir die Struktur nicht gefällt, muss ich sie verändern.


Hackl: Das stimmt. Vielen bleibt mit Familie, Kindern und Beruf vielleicht auch nicht genug Zeit und Motivation für politische Teilhabe. Das kleine Quantum Freizeit will man dann oft nicht auch noch einer Partei geben.


Ernhofer: Delegiertenversammlungen, Vorstände, Tagesordnungen – das kann schon mal befremdlich sein. Aber manches hat eben Sinn oder man muss es kennenlernen. Diese Umstände als Argument zu nehmen, warum man sich politisch nicht beteiligen möchte, kann man dann fast nicht gelten lassen.

 


Jahrhunderte lang lag die Politik fest in den Händen der Männern. Für ihre soziale Selbstbestimmung mussten mutige Frauen wie Nora lange kämpfen.

 

Da sind wir an einem interessanten Punkt: Um sich zu beteiligen muss man sich auch behaupten können. Jahrhundertelang war Politik eine reine Männerdomäne. War es für euch schwierig, sich dort Gehör zu verschaffen?


Ernhofer: Ich habe nie Nachteile erfahren, weil ich eine Frau bin. Es gibt aber sehr wohl Strukturen, wo das ganz anders ist. Es ist nach wie vor so, dass sich viele Frauen durchbeißen müssen und Männer ihre weiblichen Kollegen erst dann ranlassen, wenn die Situation für sie eh aussichtslos ist oder die Thematik an sich uninteressant ist.


Strobl: Mir geht das ähnlich. In meiner Familie waren sehr viel starke Frauen, die waren meine Vorbilder. Und egal ob Mann oder Frau, wir müssen lernen auf unsere Sprache achten. Frauen „zicken“ zum Beispiel. Aber was ist das entsprechende Wort für die Männer? Vielen ist das gar nicht bewusst, dass die Rhetorik den Dialog und die Kommunikation total verändert.


Hackl: Auch bei uns im Wolnzacher Gemeinderat wird man jetzt nicht schlechter behandelt, weil man eine Frau ist. Eher noch, weil manche denken, dass man in der vermeintlich „falschen“ Fraktion sitzt.


Ernhofer: Ja, schlechtes Benehmen ist geschlechtsunspezifisch. (lacht) Aber ich bin da positiv gestimmt. In den kommenden Jahren wird es für die Situation der Frauen mit Sicherheit einen Wandel geben.
Zum Schluss: Was würdet ihr einem jungen Mädchen mit auf den Weg geben, das mit dem Gedanken spielt, sich politisch zu engagieren?
Ernhofer: Offen sein und an ihren Zielen festhalten und auch ihren Charme ausnutzen! Das ist die Stärke der Frauen und vollkommen legitim.


Strobl: Sie soll unbedingt ihre Ziele leben! So wie sie selbst will, dass sich die Welt verändert, so muss sie sich einbringen und authentisch ihre Werte verkörpern.


Frau Hackl, was geben sie ihren Schülern mit?


Hackl: Demokratie leben! Man muss lernen, einen demokratischen Entschluss zu akzeptieren. Man wird nicht immer nur die Höhen erklimmen – man muss sich eben immer wieder aufrappeln und auch seine eigenen Grenzen kennen. 

 

Sexuelle Befreiuung als Teil der weiblichen Identität: Gerade in konservativen Gemeinschaften hat die eigentlich wenig Platz.

 

Das Gespräch führte Lisa Schwarzmüller.

(Das Interview ist bzgl. Länge und Lesbarkeit redigiert)
 

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